Thema: „Stimmen im Kopf“

Akkustische Halluzinationen haben viele, dies bedeutet, sie hören Geräusche oder auch ganz real gesprochene Worte, die nur sie selbst hören können. Diese Stimmen können verunsichern, Angst auslösen; also viel Leid und schwere Krisen verursachen. Das muss aber nicht immer so sein.

 Etwa zwei Drittel aller Betroffenen können gut mit diesem Phänomen leben können. Die Stimmen können in den Hintergrund rücken und so „erzogen“ werden, dass sie das Leben nicht beeinträchtigen. Sie können von allein wieder ganz verschwinden oder sich sogar zu einer Lebensbereicherung entwickeln. Aus der Geschichte bis zur Gegenwart sind z.B. folgende Persönlichkeiten bekannt: Hildegard v. Bingen, Jean d’Arc, Lessing, Goethe, Rilke, C. G. Jung, Virginia Woolf, Andy Warhol u.a. Oft ist nicht das Hören von Stimmen an sich das Problem, sondern die Unfähigkeit, damit umzugehen.

Stigmatisierung, Diskriminierung und Isolation sind die Folgen von den „Stimmen im Kopf“. In unserer westlich orientierten Gesellschaft gelten außergewöhnliche Wahrnehmungen sehr oft als Indiz einer schweren psychischen Krankheit, deshalb wagen die wenigsten Betroffenen über ihr Erleben zu reden.

Erst wenn der Leidensdruck zu hoch wird, suchen  sie Hilfe in der Psychiatrie. Die Behandlung besteht hier überwiegend aus der Verordnung von Psychopharmaka und oftmals mit der  beängstigenden Diagnose Schizophrenie. Die Tatsache, dass ihr Erleben lediglich als krankhafte „Halluzination“ angesehen wird, hilft den Betroffenen nicht, ihr Erleben zu verarbeiten, sondern wird von den meisten als Diskriminierung erlebt. Inzwischen ist bekannt, dass die Psychopharmaka bei etwa der Hälfte der Betroffenen nicht wirken.

Eine von allen akzeptierte Erklärung, warum ein Mensch plötzlich anfängt, Stimmen zu hören, gibt es nicht. In der Psychiatrie werden überwiegend genetische Gründe vermutet. Es wird vermutet, dass viele Umstände zum Stimmenhören führen können: z.B. schwere traumatische Erlebnisse, Trennung, Einsamkeit, seelische Not, aber auch Sucht- und Drogenprobleme. Menschen können in Trauerzeiten plötzlich die Stimme des Verstorbenen hören, was oft als Trost empfunden wird. Ein  Hochseesegler, hört z.B. Stimmen, wenn er lange einsam auf dem Meer ist. Laut Amnesty International hören fast 80 % aller Folteropfer unter der Folter Stimmen . Niemand  würde bei diesen Beispielen von Krankheit reden – im Gegenteil!

Wenn ein Mensch also anfängt, Stimmen zu hören, hat er oft ( aber nicht immer) etwas erlebt, mit dem er nicht fertig wird. Das heißt, dass das Stimmenhören oft der unbewusste Versuch ist, diese Erlebnisse zu verarbeiten. Jeder Mensch kann plötzlich anfangen, Stimmen zu hören, unabhängig von Alter und Familienstand, Bildung und Beruf, Sozialisierung und Einkommen. Niederländische Untersuchungen belegen, dass drei bis zehn Prozent aller Menschen Stimmen hören. In Deutschland geht man von einem ähnlich hohen Potential aus.

Vorschläge, die im Trialog herausgearbeitet wurden, um „Stimmenhörer“ zu unterstützen:

  • Das Stimmenhören sollte nicht nur als Symptom einer Krankheit angesehen werden. Bis zu 10% Prozent aller Menschen hören Stimmen oder haben einmal in ihrem Leben Stimmen hörten. Viele von ihnen waren noch nie in der Psychiatrie und wollen ihre Stimmen auch nicht verlieren.
  • Akzeptanz der unterschiedlichen Erklärungsmodelle – jede Erklärung, die dabei hilft, mit den Stimmen umzugehen, ist besser als keine.
  • Versuch zu übersetzen, was  die Stimmen sagen wollen. Deshalb ist es wichtig zu wissen, was die Stimmen sagen und falsch sie um jeden Preis abtöten zu wollen. Professor Marius Romme aus Holland hat schon 1991 gesagt: „Es ist sinnlos, den Boten zu töten, der die Botschaft überbringt, wenn die Botschaft die gleiche bleibt.“
  • Helfen Sie dabei, die Stimmen als dazu gehörend  zum Leben zu integrieren. Nur dann können Strategien zum Umgang mit ihnen entwickeln.

Lassen Sie sich als Betroffener und als Angehöriger die Medikation ausführlich erklären. Im Idealfall werden sie in den Behandlungsablauf miteinbezogen.

Jörg